Ich getraue mich – selbst in einem Weltmeisterschaftsjahr (2006) – folgende Aussage zu machen: Ich bin kein Fussballfan. Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit: Ich bin ein regelrechter Fussballgegner.

Die Gründe hierfür sind nicht in meiner Leidenschaft zum Biken zu suchen, eher in den mangelnden Emotionen, die Fussball in mir auslöst. Noch genauer gesagt, liegt es am Mangel an positiven Gefühlen zu diesem Sport. Die bierbäuchigen Besserwisser mit ihrer fanatischen Hau-Drauf-Mentalität und ihrem falschen Stolz sind mir zuwider. Die melodramatischen Hooligans, die sich verhalten, als wären sie Freiheitskämpfer in einem Glaubenskrieg ernten nicht mal mein Mitleid. Wo sind wir hier eigentlich? Handelt es sich tatsächlich noch um Sport und Unterhaltung?

Gehen wir der Sache mal etwas auf den Grund: Als Fanatismus bezeichnet man das Besessensein von und unbedingte Festhalten an einer Idee oder theoretischen Vorstellung.  Fanatismus ist durch Intoleranz gegenüber jeder anderslautenden Meinung gekennzeichnet. Von der Richtigkeit und dem hohen Wert seiner Anschauung ist der Fanatiker  vollkommen überzeugt und verteidigt sie vehement gegen jede Infragestellung. Einer vernünftigen Argumentation ist er dabei nicht zugänglich. Die idealisierte Vorstellung ist seinem kritischen Denken bzw. Reflexionsvermögen entzogen. Damit verbundene negative Konsequenzen für sich selbst oder andere werden als solche nicht erkannt bzw. anerkannt.

Ich bin ebenfalls ein Sportfan, sehe meine Vorbilder gerne und bewundere sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Im Unterschied zu manch einem Fussballfan betreibe ich den Sport auch selbst und kann mich in die Situationen, in der sich die Profis befinden, mehr oder weniger hinein versetzen. Entsteht daraus dieses frenetische Verhalten eines Fans? Mir geht’s nicht so. Ist es nicht vielmehr das  Zusammengehörigkeitsgefühl grossleibiger Couch-Potatos, gepaart mit primitiven Kraftausdrücken und einer nicht zu unterschätzenden Menge an Alkohol, die zu dieser Borniertheit und Intoleranz führt?

Ryan Leech und Dave am Adidas Slopestyle in Saalbach/Hinterglemm im Jahre 2005

Fan oder Fanatiker? – Ryan Leech fühlt sich jedenfalls noch wohl..

Der 0815-Fussballfan zieht jetzt ein langes Gesicht und denkt sich: „Du bist auch ein eingebildeter und ignoranter Besserwisser“. Entschuldige mich, aber Du bist hier nicht gemeint. Jeder, der sich die Zeit nimmt, um seiner Lieblingsmannschaft zuzusehen, hinter ihnen zu stehen und mit ihnen den Sport und die Freude daran zu zelebrieren, hat meine Sympathie, keine Frage. Jeder, der sich lauthals über den Sieg ’seiner‘ Mannschaft freut, hat mein volles Verständnis, das liegt in der Natur des Spiels. Aber der grosskotzige „Laferi“, der sein ach-so-umfangreiches und -wertvolles Pseudowissen über Fussball und Sport jedem  dahergelaufenen unter die Nase halten muss, ist mir ein Gräuel!

Genug um den heissen Brei geschwafelt, was ich eigentlich hiermit ausdrücken möchte, ist folgendes: Da bekämpfen sich eingefleischte Schweizer Fans (naja, Basler und Zürcher) bis aufs Blut, weil sie einen so  genannten „sportlichen“ Wettkampf verloren haben. Keine Hinterwäldler-Türken mit ohne Geld und mit ohne Hoffnung und mit ohne Bildung.. Nein, es sind angehende Manager, Anwälte, Banker und Treuhänder verdammt! Was geht mit euch ab?!

Soll ich dem Herrn Müller nächstes mal die Fresse einschlagen, weil er meinen Lieblingstrail etwas schneller gefahren ist als ich? Soll ich? Hä? ;-)

Darren Berrecloth ist besser als andere. Sollte man deshalb seine Fans verprügeln?

Jede Sportart hat ihre Eigenheiten und Schattenseiten, das ist mir bewusst. Nachdem eine Horde Downhiller über einen Trail fetzt, sieht der Wald auch nicht mehr so unberührt aus wie zuvor.. Der schreckhafte Wanderer benötigt auch seine Zeit, bis sein Herzschlag sich nach einer Beinahe-Kollision mit einem Raser wieder beruhigt hat.. Nicht sehr schön, aber glücklicherweise auch eher die Ausnahme. Was will man machen? Wir bemühen uns wenigstens um gegenseitigen Respekt und ein friedliches „Aneinander vorbei“. Ich sehe jedoch weder meinen Mitbiker noch den Wanderer als Gegner, geschweige denn als unfreiwilligen Sparingpartner.

Genau das Gegenteil ist der Fall! Trifft man wildfremde Biker auf einem Gipfel, findet man sich schnell in einem lockeren und aufgestellten Gespräch über Material, Erfahrungen, Vorlieben und andere Aspekte des Sports wieder. Man ist sich praktisch auf Anhieb sympathisch und nimmt den bevorstehenden Trail gleich gemeinsam in Angriff. Auch mit dem Wanderer, der sich gelegentlich aufregt, bringt man mit etwas gutem
Willen eine anständige und respektvolle Kommunikation zustande. Ich entdecke jedenfalls kein aggressives Verhalten oder andere, eher den Tieren zugeordnete, negative Verhaltensformen. Ich möchte auch nicht ergründen müssen, wodurch dieser Unterschied entsteht. Vielleicht liegt es an der Ernährung? Wer weiss schon genau, was eine Überdosis Chips tatsächlich anrichtet?

 

snow-bike-downhill-bunch-team-group

Zusammengehörigkeit und Euphorie. Von Aggression jedoch keine Spur..

Abschliessend möchte ich lediglich noch auf folgenden Sachverhalt hinweisen: Euphorie wird gemeinhin mit einem Hochgefühl gleichgesetzt, einem gehobenen Lebensgefühl größten Wohlbefindens, mit gesteigerter Lebensfreude und verminderten Hemmungen. Das kann sowohl auf einen Biker zutreffen, als auch auf einen Fussballfan. Mediziner verstehen unter Euphorie jedoch auch gewisse manische Zustände und ein „subjektives Wohlbefinden eines geistig Schwerkranken“. Ich konnte dies bisher noch keinem Biker zuordnen. Interessant!

Peace!

Author: flowzone

riding passion switzerland
flowzone is all about mountain biking

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Erstellt von am 15. Mai 2006