marzocchi 66 sl1 ata

Marzocchi 66 SL1 ATA – Review

Schon seit Jahren stehe ich auf die Federgabeln der Firma Marzocchi. Seit der ersten Z1 Bam mit 100mm Federweg, dem aggressiven orangen Look und einer bis dahin unbekannten Performance. Auch wenn die Marke seit seinem Bestehen schon das eine oder andere mal in die sprichwörtliche Scheisse gegriffen hat, blieb ich ihr treu. Seit mindestens 2 Jahren bröckelt ihr Image aber zunehmend und sowohl die Feedbacks aus dem Netz, als auch meine persönlichen Erfahrungen zeigen immer mehr Schwächen und Qualitätsmängel auf.

marzocchi z1 bam bomber first orange
Marzocchis Einstieg in die MTB Federgabelwelt war legendär

Angefangen hat es eigentlich mit den diversen 66 Modellen ab dem Jahre 2006. ATA hier, ETA da, luftig- leicht und hauptsache mit „coolen“ billigen Punk-Stickern drauf.. Ich fand die Gabeln erstmal nur hässlich, aber vertraute auf die gewohnte Marzocchi-Performance. Da ich mir ein neues Bike zugelegt hatte (SX Trail Rahmenkit) war ich auf der Suche nach einer neuen Gabel. So um die 16-18cm Federweg, möglichst leicht und mit einem butterweichen Ansprechverhalten. Von Rockshox hörte man zu dieser Zeit nicht viel Positives (Massen-Rückrufaktionen).

Die Fox-Gabeln boten mit 16cm und dem geringen Gewicht eine gute Alternative, zumal ich von meinem Freundeskreis nur positive Rückmeldungen bekam. Der Preis und das nicht so superweiche Ansprechverhalten haben mich dann von einem Kauf abgehalten. Manitou, Magura und Konsorten würdigte ich damals nicht einmal mit einer Erwägung. Also gab ich der 66 SL1 ATA von Marzocchi eine Chance.

2,6 Kilogramm, 14-18cm Federweg, fette Optik und jede Menge Einstellmöglichkeiten. Die Gabel kam zwar frisch auf den Markt und ich hatte mir doch geschworen, für keine Firma mehr Versuchskaninchen zu spielen. Ich hätte auf meinen Instinkt hören und meinen Prinzipien folgen sollen…

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Die Marzocchi 66 SL1 ATA – Viel Luft um Nichts

Kurz darauf folgten die 55, welche scheinbar bereits beim Auspacken aus der Schachtel Ölverlust aufwiesen. Habe schon von einigen Bikern gehört, welche die Gabel mehrere Male zur Reparatur einschicken mussten. Wochenlange Wartezeiten und mehrmaliges Ein- und Ausbauen wollte ich mir ersparen und hoffte, dass dies bei der 66 (welche ja doch schon seit 3 Jahren produziert wurde) nicht der Fall sein würde.

Also habe ich mir die schöne weisse 66 SL1 ATA bestellt und war bei dessen Ankunft völlig aus dem Häusschen. 18 Zentimeter Federweg bei einer Singlecrown-Federgabel! Das konnte man sich vor wenigen Jahren noch gar nicht vorstellen, als die ersten Z1 Bam mit 11 cm Federweg herauskamen. Schnell auspacken und einbauen! Das erste Gefühl war sehr geil und sowohl die Optik als auch die Einbauhöhe passten perfekt zu meinem babyblauen SX. Die ersten Testfahrten überzeugten natürlich und ich war froh über meine Entscheidung. Ich fuhr im Sommer 2007 eine Woche in Portes du Soleil, wo ich mehrheitlich zufrieden war mit der Performance der Gabel. Etwas mehr Federweg und etwas mehr Steifigkeit wünscht man sich auf einer Downhillpiste schon, aber dafür wird man auf den Singletrails mit guter Wendigkeit und einem einigermassen geringen Gewicht belohnt.

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Die neuen Marzocchi Federgabeln (2007/2008) – Schick, leicht, unnütz

Was mich an der Gabel etwas störte war, dass ich sie praktisch auf jede Streckenbegebenheit wieder frisch anpassen musste. Mit der  Bikepark-Einstellung konnte ich unmöglich auf die lokalen Singletrails gehen. Abnormes Absacken der Gabel und eine wirklich miese Performance waren die Folgen. Frisch eingestellt, funktionierte sie wieder wunschgemäss. Kaum hat sich die Streckenbegebenheit wieder etwas verändert (steiler, flacher) war es wieder aus mit flutschen. Typisch Luft-Federgabel halt. Eine andere Eigenheit der Gabel war, dass sie sich inzwischen selber zudrehte. Ich fuhr los mit 180mm und hatte nach wenigen hundert Metern gerade noch 140mm Federweg! Als ich wieder mal die altbewährten Kabelbinder zur Hilfe nahm, um das Problem zumindest kurzfristig zu lösen, schraubte sich nach einer gewissen Zeit die obere Abdeckung der Gabel von selbst ab. Das ging ja mal gar nicht.

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Da ich 2008 von meinem Schatz zum Geburtstag ein silbernes Akira-Tuning für Dämpfer und Gabel geschenkt bekommen habe, und die Gabel nicht mehr so schön arbeitete und dringend einen Service nötig hatte, schickte ich sie also ein zu Christophe Petit, mit der Erwartung, dass er Wunder vollbringt. Aber das war natürlich abwegig.. Die Gabel kam zurück mit 12 Bar Druck in den Kammern, den Werksangaben von Marzocchi. Von Hand liess sie sich mit 90 Kg genau einen Zentimeter einfedern. Schluck. Was war denn da los? Mal ans Bike bauen und weitersehn.. Am Bike bot mir die Gabel 3-5 Zentimeter Federweg. Mit fast 100 Kg Druck! Das kann ja wohl nicht sein dachte ich mir und ruf den Gabelgott persönlich an. Sein Feedback hat mich dann etwas erschreckt: Die Gabel sei eigentlich eine Fehlkonstruktion und könne wirklich nicht optimal eingestellt werden. Er habe es mit diversen Ölmengen und Druckvarianten versucht und das sei die beste Alternative. Schöner Scheiss.

CHF 300.- für das Tuning und nochmals CHF 250.- für das defekte Innenleben. Das hätte schon bald eine neue Gabel gegeben.. und nicht eine teure, alte und falsch eingestellte. Jedenfalls habe ich mich daraufhin selber eingehend mit dem Setup der Gabel auseinandergesetzt und bin über einige witzige Einträge im Internet gestossen: „Ich habe das ganze Innenleben auf der linken Seite ausgebaut, seither arbeitet die Gabel einwandfrei.“ Meint Ihr das ernst?!? Ich soll das Teil auseinander nehmen, die teuren Hightech-Parts entfernen, um endlich eine brauchbare Gabel zu haben? Ne sorry. Das geht mir zu weit..

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Ich fuhr jetzt ein weiteres Jahr mit dieser Gabel, in der Hoffnung ein funktionierendes Setup zu finden oder zumindest ein zufriedenstellendes. Immer wieder regte ich mich über das Absacken im steilen Gelände auf. Füllte ich genügend Luft ein, so dass die Gabel nicht mehr absackte (mind. 5 Bar oben und unten), war die Performance dafür am Arsch und ich konnte nicht mehr als die Hälfte des Federwegs nutzen. Schöne Scheisse.

In der Zwischenzeit hörte ich von vielen Freunden von Problemen mit der 55, mit anderen 66s und natürlich auch mit den 888s. Irgendwie schien es Marzocchi nicht mehr auf die Reihe zu kriegen. Wen verwundert es, dass sie auf die Saison 2010 wieder Back-to-the-roots Technologien anbieten? Nicht mehr absenkbar, keine Luft, kein ETA, ATA oder sonstige Spielereien. Nur Stahlfedern im Ölbad mit Titanrohren. Aha. Weshalb wohl? Vielversprechend, aber halt auch wieder zurück auf Feld 1. Schon wieder Versuchskaninchen spielen? Ohne mich..

Diese verfluchte 66 ist aber nicht der Grund, weshalb ich diesen Artikel verfasse. Der Grund ist eine 66 aus dem Jahre 2005! Gerade vor wenigen Wochen habe ich aus dem Netz eine der ersten 66 gekauft, welche hergestellt wurden. Nur 15cm Federweg, viel zu schwer, baut viel zu hoch und ist technisch überholt. Für CHF 150.- kann man jedoch nicht meckern, zumal das Teil in einem einwandfreien Zustand ist. Was mich aber dann fast aus den Socken haute, war die Performance der Gabel! EINFACH UNGLAUBLICH! Schön weich über den gesamten Federweg, sackt aber auch bei zu viel Druck auf dem Vorderrad nicht ab und arbeitet einfach perfekt. Hallo?!? Wie ist das möglich? Immerhin sind da über 5 Jahre Entwicklungsarbeit dazwischen. Neue Technologien und sogar neue Materialien wurden inzwischen schon entwickelt. Über 5 Jahre Erfahrung und Abertausende von gebauten Gabeln und dennoch übertrifft das alte Modell das Neue in Sachen Funktionalität? So enttäuschend fiel mein Fazit zu einem Produkt noch nie aus.

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Was ich wieder mal gelernt habe?

Eine Gabel für CHF 1’000 gekauft. Für 550 Franken repariert und getuned. Schlussendlich mit einer uralten gebrauchten Gabel für CHF 150.- glücklich geworden.

Mein Tipp: Spiele nie das Versuchskaninchen für Neuentwicklungen! Du kannst nur verlieren.. Im besten Fall funktioniert das neue Produkt etwas besser als das alte, Du hast aber auch einiges mehr dafür hingeblättert. Im schlimmsten Fall jedoch, musst Du auf das Produkt über mehrere Wochen verzichten, weil es zurückgerufen wurde oder Du es wieder zur Reparatur senden musst und während dieser Zeit meist nicht einmal ein Ersatzprodukt besitzt. Viel Geld ausgegeben, die Nerven strapaziert und nicht einmal den Ausgleich beim Biken gefunden.. Das kann’s ja auch nicht sein.

Also Finger weg von kompletten Neuentwicklungen und lieber zu Altbewährtem zurückgreifen oder Hersteller unterstützen, welche eine sorgfältige Entwicklungspolitik betreiben und nicht jedem Hype nachspringen. Vielleicht lernen es die Produzenten auf diese Weise, etwas mehr auf die Qualität zu achten, anstatt dem Druck der Branche auf Kosten der Kunden nachzugeben. Siehe Specialized Enduro (3 Jahre = 3 neue Bikes) oder eben Rockshox und Marzocchi…

Ich fahre nun mit zwei uralten Marzocchi Gabeln und einer Fox40. Eine neue Gabel wird es frühstens ab 2011 geben, wenn die neuen Marzocchi Back-to-the-root-Modelle mit offenem Ölbad und Titanfedern von anderen Bikern getestet wurden ;-)

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