CanadaBiken ist nicht gleich Biken. Manchmal ist es Freeriden und manchmal Downhillen, Streeten, Dirten oder was weiss ich. Die Diskussionen darüber sind uralt und längst abgedroschen. In Kanada ist aber alles nochmal anderst. Sobald man dort drüben nicht gerade mit einem Fullface-Helm loszieht oder keinen Lift oder Shuttle benutzt, läuft es eigentlich unter Cross Country. Was wiederum völlig egal ist, denn das Motto lautet: „Let’s go for a RIDE!“

Und das bedeutet vor allem in BC etwas komplett anderes als hierzulande. „Warum denn das?“, mag sich so manch einer fragen, „Berge sind Berge und Trails sind Trails. Was ist denn dort drüben so speziell?“. Ich versuche das mal anhand einiger Beispiele zu erklären.

pbpic292454.jpg

Fangen wir mal bei den Gegebenheiten an. Es gibt nämlich sehr wohl Gründe, weshalb sich das Biken in diesen zwei Ländern so unterschiedlich entwickelt hat. Einer dieser Punkte ist das gottgegebene, oder vielmehr queengegebene Recht eines jeden Kanadiers, die natürlichen Schätze des Landes wie Wälder und Berge etc. frei zu nutzen. Zündstoff für heftige politische Diskussionen, welche schon Jahre andauern und noch keine konkreten Ergebnisse im Sinne einer sinnvollen Nutzung der Wälder gebracht haben. Darunter leiden zwar ökologische, ökonomische, historische und auch kulturelle Werte, der Biker gewinnt jedoch in diesem Fall auf voller Länge. Denn die Wälder dort drüben sind einfach mal riesig. „Riesig“ ist so ein kleines Wort für eine so überwältigende Natur. Bäume, die tausende von Jahre alt sind, in Wäldern welche sich über hunderte von Kilometern erstrecken. Das ist einfach nicht in Worte zu fassen. Alleine diese Grösse lässt einem den Atem stocken. Und das alles steht zur freien Verfügung? Ja!

Du fährst mitten durch den Wald und möchtest auf einer schönen Lichtung ein Feuer machen und campieren? Absolut kein Problem. Du hast einen Weg gefunden und möchtest den ausbauen? Nur zu! Wenn das Land niemandem gehört, gehört es Dir. Traumhaft. Das ist wohl der wichtigste Grund, weshalb die Trails dort wie Pilze aus dem Boden schiessen. Du bist erst ein richtiger Biker, wenn mindestens ein Trail deinen Namen trägt.

Kanada Roadtrip British Columbia North Shore

Ohne diese Konstruktionen, wäre ein Durchkommen mit dem Bike undenkbar.

Ein weiterer Unterschied besteht in der Beforstung dieser Wälder. Bei uns muss man ja nach herumliegendem Holz suchen. Jeder halbtote Baum wird gleich entsorgt und die Wälder in regelmässigen Abständen geputzt und geräumt. Aber was schreibe ich hier von Wäldern, die darf man ja sowieso nicht anfassen, geschweige denn wild befahren. Wenn überhaupt, darf sich der gemeine Biker mit einem nicht mehr benötigten Wanderweg zufrieden geben.

Dort drüben ist der Wald vor lauter Bäumen kaum zu sehen. Der Untergrund ist sowas von durchwachsen, verwuchert und verwildert, dass ein Durchkommen ohne entsprechende Massnahmen zu einer äusserst anstrengenden Kletterpartie wird. Mit dem Bike käme man bestimmt keine 10 Meter weit. Die Bike-Pioniere in North Vancouver haben also nichts anderes gemacht, als sich in der Not selbst zu helfen. Statt einen Baum mit einem Kampfgewicht von 10 Tonnen aus dem Weg zu räumen, wurde einfach eine Leiter dran gezimmert und fertig war der Logride. Statt eine unfahrbare Stelle zu umfahren, wurde einfach eine Brücke darüber gebaut. Holz hat es ja wahrlich mehr als genug. So sind die berühmten „North Shore Trails“ entstanden. Keiner ist hingegangen und hat sich gedacht „Öh, cool. So eine Holzleiter sieht geil aus. Ich baue bei uns im Wald auch mal eine.“ Ohne diese Bauten gäbe es in Kanada gar kein Durchkommen, geschweige denn Trails.

Kanada Roadtrip Logride Silver Star

Bei uns würde so ein Baum im Weg stehen – dort drüben stellt er den Weg dar.

Der letzte Punkt, den ich hier anfügen möchte, sind die Besitzrechte. Hier in der Schweiz kann man sich einen beliebigen Hügel aussuchen, das Land gehört mindestens einem Dutzend Besitzern. Jetzt versuch mit denen doch mal zu diskutieren, weshalb ein Bikepark an diesem Berg Sinn macht, was er für Nutzen daraus ziehen kann und was das für Vorteile bringt. Der erste hört noch hin, den Zweiten interessiert es kaum und der Dritte ist von vornherein schonmal dagegen. Dankeschön.
Du kannst Dir ja bestimmt schon vorstellen, wie das in Kanada gehandhabt wird, oder? Ganz Whistler Blackcomb gehört EINER Firma namens Intrawest. Und dieses Beispiel ist bei weitem nicht einmalig, denn jedes grössere Resort wurde von einer Firma aufgebaut, welche den ganzen Berg gleich gekauft hat: Sun Peaks, Kicking Horse, Silver Star oder Mount Washington um nur einige zu nennen. Klar wird dort eine riesige Infrastruktur mit künstlichen Dörfern und allem Pipapo gebaut und der Berg leidet darunter in gewissem Masse, aber an denen mangelt es ihnen ja nun wirklich nicht. Sowas wäre hier in der Schweiz strikt undenkbar, egal wo. Das ist dann eben auch der Grund, weshalb dort jeder Bikepark mehr als 30 Trails und spezielle Einrichtungen für Biker aufweist und hier meistens nur mit Müh und Not ein Wanderweg zu einem Downhill-Kurs umfunktioniert werden kann.

Canada - Kanada: Die Trails

So, habe eigentlich wieder mehr geschrieben, als ich mir vorgenommen hatte. Ich denke, ich belasse es bei diesen drei Punkten zu den grundsätzlichen Unterschieden bezüglich der Trails in Kanada und der Schweiz und schreibe das nächste Mal über das Fahren an und für sich.

Ride on!

 

Author: Serki

Leidenschaftlicher Mountain Biker seit 1995.
Baujahr: 1975 | Länge: 187 cm | Breite: 90 Kg
Bikes: Banshee Spitfire, Santa Cruz Chameleon, Specialized Demo

1 Kommentar:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Erstellt von am 19. Juni 2007