Vor einigen Jahren habe ich mich bereits zu diesem Thema geäussert in “I’m a pussy” – an dieser Stelle möchte ich mich aber ein paar Aspekten widmen, welche bisher unerwähnt blieben: Was ist Angst und wie überwinde ich sie? Was ist Mut und wie werde ich mutiger auf dem Bike?

Zum Einstimmen ein paar Zitate, welche ich in Bezug auf Mut und Angst besonders einleuchtend und nachvollziehbar finde:

Das Einzige, wovor wir uns fürchten müssen, ist die Angst selbst. – Franklin D. Roosevelt

Jemand der vor seinen Ängsten flieht, wird herausfinden, dass er nur eine Abkürzung genommen hat, um sie kennenzulernen. – J.R.R. Tolkien

Bei der Red Bull Rampage mache ich mir fast jedes Mal in die Hosen. Keine Angst? Das gibt es auch bei den Pro’s nicht – wir wissen einfach, wie man mit Angst umgeht und wie man sie überwindet – Cam Zink

Jemand sagte zu mir mal, “Du bist so furchtlos”. “Furchtlos?” dachte ich mir, als ich innerlich lachte. Werde ich von aussen so wahrgenommen? Ich kenne mich selbst gut und ich bin alles andere als angstfrei – im Gegenteil. Was heisst es überhaupt furchtlos zu sein? Ist es eine Einstellung? Eine Emotion? – Tracey Hannah

Mut ist demnach keine Gesinnung oder Lebenseinstellung, sondern eine Fähigkeit, die man erlernen kann. Da das Thema sehr emotional und komplex ist und ausserdem viel mit dem Unterbewusstsein zu tun hat, tun wir uns dabei schwer.

Was mir bei der Überwindung einige meiner Ängste auf dem Bike geholfen hat, war das Hintergrundwissen über die Thematik und eine bewusste Herangehensweise.

Du glaubst Profis kennen keine Angst? Dann liegst Du falsch. Sie wissen wie man damit umgeht.

Du glaubst Profis kennen keine Angst? Dann liegst Du falsch. Sie wissen lediglich, wie man mit ihr umgeht.

Was ist Angst?

Angst gibt es seit Menschengedenken und viele haben sich mit dem Thema auseinandergesetzt. Wenn man die Hintergründe kennt, fällt es einem leichter, seine eigene Angst einzuschätzen und zu überwinden.

Angst ist eine Abwehrreaktion des Körpers. Die körpereigenen Sensoren messen die Aspekte einer Herausforderung, das Hirn wertet diese Informationen aus und vergleicht es mit Erfahrungswerten. Stellt die neue Situation eine mögliche Gefahr dar, werden Stoffe ausgeschüttet, welche die Konzentrationsfähigkeiten steigern, Reaktionszeiten verkürzen und Schmerzen ausschalten – all dies, um der bevorstehenden Herausforderung gerecht zu werden.

Diese Massnahmen sind allesamt positiv für die Bewältigung des Problems, jedoch haben wir gelernt, diese Symptome als Anzeichen für Stress und Angst zu deuten. Das Kribbeln im Bauch, die vom Adrenalin verursachte Euphorie und nicht zuletzt das Wissen, dass eine Herausforderung bevorsteht, bringt uns dazu, uns zu versteifen und einen Rückzieher zu machen.

Der Trick dabei ist es, die Vorzüge dieses Zustandes zu nutzen und gleichzeitig die leisen Stimmen im Hintergrund nicht dominieren zu lassen. Dies darf man jedoch nicht konsequent und immer machen, denn es ist Vorsicht geboten: Wir versuchen unseren Körper mit unserem Verstand zu überlisten. Da braucht es eine gewisse Balance und Menschenverstand – einfach nicht auf diese inneren Stimmen zu hören wäre falsch und könnte fatale Folgen mit sich ziehen.

Jeder Mensch hat Ängste – das ist in uns drin. Ausschlaggebend ist aber, wie man mit der Angst umgeht.

Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern deren Überwindung.

Erst wenn man die schlechten Gefühle zulässt, sich darüber Gedanken macht und schliesslich bewusst beiseite schiebt, kann man sie überwinden.

mut angst mtb überforderung - überwindung

Oft sieht die Situation schlimmer aus, als es in Wirklichkeit ist: Mit ein wenig Mut überwindet man mehr als man erwartet

Mut + Überwindung

Mut zu haben, bedeutet die Angst zu überwinden. Hier findet ein Kampf zwischen Gefühl und Logik statt – beide Hirnhälften kämpfen um die Herrschaft und nur einer kann gewinnen. Wie schafft man es also, dass dieser Kampf gegen die Angst vermehrt gewonnen wird? Indem man die Faktoren mindert oder eliminiert, welche die Angst erzeugen.

Ein kleines Beispiel:

Fall 1: Ich kann nicht sonderlich gut springen und stehe vor einem grossen Roadgap – meine Angst ist riesig. Die Gründe dafür sind das fehlende Know-How, das fehlende Selbstvertrauen und die Herausforderung des Unbekannten.

Fall 2: Ich kann nicht droppen und stehe vor einem kleinen Absatz – meine Angst hält sich in Grenzen. Ich kenne das Risiko, ich traue mir das auch ohne viel Können zu und fürchte mich nicht vor den Konsequenzen.

Das sind zwei überspitzte Beispiele, welche jedoch gut zur Veranschaulichung dienen: Wenn man die Faktoren dieser Beispiele analysiert, wird einiges klar:

  • Je geringer die Angst, desto risikofreudiger werden wir.
  • Je höher das Können, desto selbstbewusster werden wir.
  • Je höher das Selbstbewusstsein, desto geringer wird das Risiko eingestuft.
  • Je geringer das Risiko, desto eher überwinden wir uns.

Mut ist also ein Produkt vieler Einflussfaktoren – und diese Faktoren lassen sich beeinflussen.

Dein Kumpel traut sich und Du nicht? Kein Grund für Verzweiflungstaten.. Lieber auf einen kurzen Kick verzichten, als wochenlang verletzt zu sein.

Dein Kumpel traut sich und Du nicht? Kein Grund für Verzweiflungstaten.. Lieber auf einen kurzen Kick verzichten, als wochenlang verletzt zu sein.

Positive Verstärkung

Kleinere Schritte bedeuten mehr Erfolg. Mehr Erfolg führt automatisch zu weniger Stress und Angst, was sich wiederum positiv auf die weiteren Schritte auswirkt. Eine Positivspirale.

Wie das funktioniert? Man tastet sich an kleine Herausforderungen heran und übt die Überwindung. In den meisten Fällen stellt sich die Hürde als kleiner heraus, als man anfangs dachte: Diese Bestätigung verstärkt den positiven Eindruck und der Körper reagiert beim nächsten Mal nicht mehr so stark. Sprich: Die Herausforderung wird als kleiner angesehen. Somit schafft man neuen Raum für grössere Hürden.

Genau das sollte Dein Ziel sein, wenn Du mit der Angst kämpfst und den Mut nicht findest. Kleine Babyschritte, welche Erfolg bringen und Dein Können und Dein Selbstbewusstsein stärken. Die nächste Hürde wirkt kleiner und irgendwann kommt man zum Ziel. Klingt einfach, wie?

Man muss sich regelmässig damit auseinandersetzen und die erwähnten Faktoren vor Augen halten.

Es muss nicht immer gleich der grosse Drop sein - nur soweit gehen, wie man sich wohlfühlt.

Es muss nicht immer gleich der grosse Drop sein – nur soweit gehen, wie man sich wohlfühlt. Dann kommt auch der Spass nicht zu kurz.

Fazit

Kleine Schritte bringen Dich langsam zum Erfolg und werfen Dich bei Fehlern weniger weit zurück.

Einen Schritt zurück zu machen, sich auf die Feinheiten zu konzentrieren, Techniken zu verbessern und das Selbstvertrauen zu stärken, sind gute Methoden, um Ängste zu überwinden.

Praxistipps

Adrenalin ist eine tolle körpereigene Droge, die uns in solchen Situationen hilft: Es fokussiert uns auf das Wesentliche und minimiert Ablenkungen. Deute die Zeichen nicht falsch: Nur weil Du aufgeregt bist, bedeutet das nicht, dass Du vor Angst erstarren musst. Ruhig bleiben, tief durchatmen und fokussieren: So passieren weniger Fehler, weil man nicht leichtsinnig wird.

Nicht zu viele Gedanken machen. Überlegt man zu lange, senkt sich der Adrenalinspiegel und die Fehlerquote steigt. Machen oder sein lassen – aber nicht nur ‘probieren’

Macht man kleinere Schritte, braucht man weniger Überwindung. Macht man regelmässige Fortschritte, wirken grosse Herausforderungen mit der Zeit kleiner.

Übung macht den Meister. Je öfter Du auf dem Bike bist, desto mehr Situationen werden für Dich zur Normalität werden.

Spass haben: Stehst Du völlig verängstigt vor einem Sprung, den Du gerne machen möchtest und es will einfach nicht klappen? Dann bist Du nicht bereit dazu. Nimm kleinere Schritte bis Du Dich bereit fühlst. Bis dahin: Vergiss nicht Spass zu haben. Einerseits ist ja das der Grund weshalb Du auf einem Bike sitzt – andererseits hilft Spass dabei, Situationen weniger ernst zu betrachten und das wiederum vereinfacht den nächsten Schritt.

Sei Deine eigene Messlatte: Viele Unfälle und Verletzungen treten auf, weil sich Biker an anderen Bikern orientieren und ihnen nacheifern. Jeder hat seine eigenen Grenzen und auch die eigenen Stärken: Weil Dein Kumpel den Roadgap springen kann, muss das noch lange nicht heissen, dass Du das ebenfalls kannst. Messe Dich nicht an anderen sondern setze Dir Deine eigenen Ziele.

Folge jemandem, dem Du vertraust: Du willst einen Drop springen, den Dein bester Kumpel bereits kann? Dann fahre im nach. Das hilft dabei, die nötige Geschwindigkeit herauszufinden und hat einen tollen Nebeneffekt: Man macht sich selber weniger Gedanken, da man ja nur dem Hinterrad des Vordermannes folgen muss.

Fahren im Schnee oder Schlamm: Die Vorteile liegen auf der Hand – einerseits fällt man öfter auf die Nase, andererseits erkennt man, dass man bei einem Sturz nicht gleich stirbt. Dies hilft Dir dabei, Dein Selbstvertrauen zu stärken und weniger Angst vor Stürzen zu haben.

mut und angst

Schmeiss Dich mal in Schnee und Matsch – je mehr Situationen Du kennst, desto besser kannst Du sie einschätzen

Fahr nicht immer 0815: Trails sind vorgegeben, Sprünge und Kurven sind vorgegeben, meistens ist sogar die Ideallinie auf den ersten Blick ersichtlich: Man fährt also quasi wie ein Zug auf vordefinierten Wegen. Brich aus diesem Muster aus! Lerne auch im flachen und langweiligen Gelände mit dem Bike und der Umgebung zu spielen. Was das bringt? Du wirst mehr Spass dabei haben, schaust Trails kritischer an und hinterfragst Entscheidungen von anderen. Du setzt Dich mit dem Trail auseinander und kannst etwas lernen, wo Du sonst nur gelangweilt durchgeflitzt wärst. Bist Du ein Passagier oder ein Pilot?

Du bist nicht aus Glas. Es stimmt schon, auf die Schnauze fliegen tut weh. Manchmal verletzt man sich oder fällt eine Weile aus. Dennoch ist das kein Grund, um immer den Schwanz einzuziehen. Der Strassenverkehr ist tödlich, deshalb sitzt Du auch nicht den ganzen Tag zuhause, oder?

Hab Mut und lass Dir den Spass von Deiner Angst nicht verderben.

Lesetipps:

Rachel Athertons Tipps gegen Angst (englisch)

Overcoming fear – VitalMTB (englisch)

Overcoming Fear – 303Cycling (englisch)

mtb-zeit.de/madels-spezial-mehr-mut-und-spas-bergab/

Tracey Hannah Report: On being fearless

 

Author: Serki

Leidenschaftlicher Mountain Biker seit 1995.
Baujahr: 1975 | Länge: 187 cm | Breite: 90 Kg
Bikes: Banshee Spitfire, Santa Cruz Chameleon, Specialized Demo

5 Kommentare:

  • Wie immer sind wir froh um Feedbacks. Hast Du selber schon Erfahrungen mit der Überwindung Deiner Ängste gemacht? Hast Du Tipps für unsere Leser? Dann halte Dich bitte nicht zurück und lass die anderen davon profitieren…

  • Guter und spannender Bericht Serki, ich danker dir. Vorallem handelt er um einen zentralen Punkt beim Bikesport (Aus meiner Sicht zumindest) worüber werbeüberfüllte Trendmagazine zu wenig oder garnicht schreiben. Was ich leider ein wenig vermisse – und aus meiner eigenen Erfahrung beim Biken sowie im Leben gelernt habe ist die Tatsache, dass Angst auch ein grosser Schutzschild ist.
    Ich selbst gehöre eher zu der Sorte “was soll schon passieren” – “passt schon” was ich auch schon mit viel schweren Verletzungen zollen musste (Arbeitsausfälle und trouble mit dem Chef ahoi). Ich hoffe Ihr habt alle gute Kumpels um Euch, welche euch pushen und an die Grenzen bringen aber auch kommentarlos akzeptieren wenn einer die “Chicken-Line wählt. *flavour off*

  • Vielen Dank Flavour! Ja, das sehe ich ebenso wie Du: Das Thema wird kaum angesprochen, obwohl es wichtiger wäre als Laufradgrössen und technische Trends. Dafür gibt’s ja uns ;-)
    Danke für Dein tolles Feedback. Besser könnte man es gar nicht sagen!

  • Hi,

    ich bin gerade über die Suche nach “aktivem Fahrstil” auf Deinen Artikel gestoßen und habe ihn mit Begeisterung gelesen. Ich bin grundsätzlich ein eher ängstlicher Typ (auch abseits des Bikens) und kann vieles von dem Geschriebenem absolut bestätigen. Was wirklich hilft, ist sich sein eigenes Tempo und seine eigenen Herausforderungen zu suchen. Seine Komfortzonen gezielt und mit Sinn und Verstand zu verlassen. Natürlich helfen da Bike-Kumpanen, die motivierend und tolerant miteinander umgehen und sich gegenseitig helfen, statt zu lästern, ungemein.
    Wer immer wieder einen kleiner Schritt macht, ist irgendwann auch einen großen Schritt gegangen.

    Was aber meine beste Erfahrung ist, ist dass gerade das Biken einem helfen kann, zu lernen auch mit seinen “Alltagsängsten” besser umzugehen.

    Genau dieser Prozess – sich ein Ziel suchen, dass einem erst einmal Angst macht, es anzugehen, es zu überwinden und irgendwann erstaunt festzustellen, dass man Dinge mit Leichtigkeit bewältigt, vor denen man sich vorher vielleicht noch in die Hose gesch***en hat, ist absolut großartig. Dieser Prozess findet beim Biken ja permanent statt. Und die Fortschritte sind nicht nur fühlbar, sondern werden im wirklichen Sinne “erfahren”.
    So gelangt man irgendwann vom “erstarren” zum “wollen”.

    Das ist einer der Gründe, warum ich diesen Sport so liebe.

    Du solltest Deinen Artikel mal bei MTB-News.de unterbringen.
    Ich bin mir zeimlich sicher, dass er zahlreich gelesen wird.

  • WOW Danke Frank!
    Schön zu sehen, dass es andere auch genau so auffassen! Ich kann Dir nur zustimmen, dass mich das privat auch weiter gebracht hat. Man betrachtet Ängste aus einem anderen Blickwinkel, weil man sich damit auseinandersetzt. Schön, dass Du Deine Hürden bewältigen konntest! Und vielen vielen Dank für dein tolles Feedback :)

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Erstellt von am 30. März 2015