Rocky Mountain ist für mich eigentlich die Bikemarke schlechthin. Nicht nur weil sie die Frorider zu Tage gefördert haben und unseren Sport seit über 2 Jahrzehnten mitbeeinflussen (eigentlich sogar schon seit 1978), sondern auch weil ich bereits zwei Bikes des kanadischen Herstellers besass und mit beiden in hohem Masse zufrieden war.

Die Geschichte von Rocky Mountain ist hier jedoch nicht das Thema. Darüber kann man sich bei Wikipedia schlau machen (Rocky Mountain Bicycles). Hier geht es um das günstige Modell ihres Super-Cross-Country/All-Mountain Bikes Slayer: Das Rocky Mountain Slayer SXC30 aus dem Jahre 2009.

In unseren Ferien im Oberengadin 2010 wollten wir ursprünglich nur eine Schaltrolle für mein Chameleon kaufen und gingen dazu in den Sportshop Corvatsch in Surlej. Wir waren dermassen von diesem Shop begeistert (Grossräumig, super designed, spitzenmässiger Kundendienst), dass wir uns erstmal einen Kafi in der wunderschönen Lounge servieren liessen und uns ihr Angebot zu Gemüte führten. Dabei entdeckte ich ein schwarz-mattes Slayer aus dem Vorjahr, welches etwas unscheinbar an der Wand hing. Reduzierter Preis, gute Komponenten und vom Federweg und Gewicht her genau das, was ich suchte. Da musste ich eine Probefahrt machen.

Zurück aus den Ferien ging es mit dem Rocky auf die Melchseefrutt.

Sattel hoch, Federung zu und rein in die Pedale. Das Gewicht von ungefähr 15 Kg und die angenehme Geometrie machten die Fahrt bergauf zu einem Kinderspiel. Ist ja auch klar, wenn man ansonsten mit einem fast 18 Kg schweren SX die Berge hochfährt. Das Aha-Erlebnis kam jedoch erst, als ich oben den Sattel wieder runterstellte und die Federung aufmachte. Wendig, verspielt und mit einem so effektiven Federverhalten, dass man das Gefühl hatte, mehr Federweg zur Verfügung zu haben. GENAU das, was ich suchte.

Mein neues Bike musste sich schliesslich neben meinem jahrelang bewährten Santa Chruz Chameleon Hardtail und meinem abfahrtsoptimierten Specialized SX Trail behaupten. Mit dem Chameleon fuhr ich vorallem im Frühjahr, um die Trittfrequenz zu trainieren und auch die Fahrtechnik wieder aufzufrischen und Ende Jahr um die endgültige Hard-Rock-Dröhnung zu bekommen. Mit dem SX fahre ich so ziemlich alles, was ich unter die Räder kriege. Bikeparks, geshuttelte und auch selbst erkämpfte Freerides und unsere Hometrails. Mit beiden Bikes war ich immer sehr zufrieden, da sie genau auf mich abgestimmt sind (der Vorteil eines Custom Aufbaus) und mir in vielen Situationen enormen Spass beim Biken bieten. Das Hardtail kommt natürlich auf ruppigeren Trails schnell an sein und mein Limit, das SX wiederum bietet auf weniger schnellen oder actionreichen Strecken aufgrund des hohen Gewichts und vielen Federwegs weniger Spass. Das fiel mir vorallem auf den Trails in Davos/Klosters auf.

Vorallem auf weniger steilen Strecken macht ein leichtes Bike mehr Spass, da man Energiereserven hat.

Mein erster Eindruck vom Slayer bestätigte genau jene Punkte, die mir wichtig waren: Ein nicht allzu leichtes Bike, welches stabil genug für einen 90Kg-Fahrer war, nicht zu viel aber genügend Federweg auch für härtere Abfahrten bot (um die 150mm) und mir als sinnvolle Alternative zu meinen anderen Bikes diente. Es musste bergauf kein Ass sein, aber bergab eine gute Gattung machen. Dieser Eindruck deckte sich mit den Erfahrungen der Shopverkäufer, welche beide ebenfalls ein älteres Slayer fuhren und von den selben Qualitäten überzeugt waren. Die Optik, die Eigenschaften, der Preis und last but not least das Feeling stimmten. Für CHF 2800.- ging das Slayer in meinen Besitz über und dazu gab es sogar noch ohne Aufpreis die teure und leichte Ausführung der BBB Pedale. Mit einem unglaublich breiten Grinsen lud ich mein neues Baby neben unsere Bike-Armada bestehend aus Chameleon, SX und VPfree. Was wir am nächsten Tag unternehmen wollten, war somit auch schon beschlossene Sache: Ein paar Runden auf dem Corviglia und danach gleich auf den Suvrettapass. Die perfekten Bedingungen für die Entjungferung.

Auf dem Corviglia stellte ich fest, wie sehr überdimensioniert mein SX für diesen Trail war. Klar, man kann es einfach krachen lassen und muss sich nicht gross um die Linie kümmern und dank des tiefen Schwerpunkts lässt es sich auch leicht um die Kurven zirkeln. Mit dem Slayer änderte sich jedoch das Fahrverhalten und somit auch der Fahrspass. Das Bike ist mindestens so schluckfreudig, was mich anfänglich wirklich überraschte, aber dank des geringeren Gewichts lässt es sich so schön bewegen, dass man praktisch nur noch am Hüpfen und Spielen ist. Man spürt den Untergrund und hat dennoch viele Reserven, was für den Grossteil der Strecken ist das Ideal. Mein Grinsen wurde also noch breiter und ich freute mich schon auf den nächsten Test. Berghoch fahren.

Die wenigen Höhenmeter von der Bergstation Corviglia bis zum Traileinstieg auf dem Suvrettapass ziehen sich ewig lang dem Berg entlang. Immer wieder mit Zwischenanstiegen gespickt und mit vielen kleinen Steinen auf mehrheitlich kiesigem Untergrund. Das geht auch in die Beine, wenn es nicht steil ist. Ich bin eigentlich auch mit meinem SX gut unterwegs auf solchen Trails – eine gute Balance und die Sitzposition sind ausschlaggebend. Wie ich jedoch mit dem Slayer über die Strecke flog überraschte mich selbst. Es gibt einfach keinen Ersatz für ein gutes All Mountain Bike, auch wenn ein Hardtail rockt und vieles auch mit einem schweren Göppel machbar ist.

Oben angekommen sitzt mein breites Grinsen noch immer wie eine Eins. Geil. Weshalb hab ich bloss solange gewartet, um mir ein solches Bike zuzulegen? Achja.. Zuverlässigkeit, Performance, Gewicht. Keiner dieser Punkte war vor wenigen Jahren bei einem Bike dieser Klasse gegeben. Heute scheinen mir jedoch sowohl die Bremsen, als auch die Federung eine gute Arbeit zu verrichten. Die Geometrien haben sich geändert und auch die Stabilität hat zugenommen. Endlich. Sowas wünsche ich mir schon seit den Neunzigern.

Hier noch ein paar Zeilen zu den Komponenten des Modells. Diese waren für mich zweitrangig, da ich meine Bikes eh immer nachrüste und einfach eine gute Ausgangsbasis mit dem Rahmen und der Dämpfung haben wollte.

Marzocchi 55R 160mm
FOX Float RP2 152mm
SRAM X.9 Schaltwerk
SRAM X.7 Wechsler
SRAM X.5 Schalthebel
AVID Juicy 5 Bremsen 185mm
Race Face Ride XC Vorbau, Lenker etc.
WTP Laufräder, Reifen und Sattel

Vorteile
Überdurchschnittlich gute Federperformance
Sehr bequemer Sattel
Einwandfreie Schaltung

Nachteile
Keine Kettenführung
Zu kleine Bremsscheiben
Französisches Ventil

Bezüglich der Gabel war ich mir sehr unsicher, da ich einerseits selber keine guten Erfahrungen mit den Marzocchis der Neuzeit gemacht und im Falle der 55 sehr schlechte Kritiken gehört habe. Bisher bin ich jedoch angenehm überrascht von deren Performance und hatte bis dato auch kein technisches Problem (Klopf auf Holz). Die 160mm arbeiten sanft, unauffällig und passen sehr gut zur Leistung des Hinterbaus.

Der Hinterbau überraschte mich an diesem Bike immer wieder. Das heisst, bis ich die Kennlinie auf der Rocky Mountain Webseite sah…

Nun ist mir klar, weshalb mir das Verhalten des Hinterbaus so gefällt. Anfänglich etwas härter, in der Mitte butterweich und gegen Ende wieder progressiv. Hätte ich die Grafik vorher gesehen, hätte ich bestimmt eine Grimasse gezogen. Auf dem Trail stimmt es aber für dieses Bike einfach perfekt. Geht es weniger hart zur Sache, hat man ein gutes CC-Bike, welches nicht wippt und dennoch ein paar Schläge aufnimmt. Sobald eine härtere Gangart eingelegt wird, verwandelt es sich in ein Enduro-Bike. I LIKE.

Mit einem nicht allzu steilen Lenkwinkel von 68° und einem gemässigten Sitzwinkel von 74° ist das Bike bergauf sicher nicht so stark wie gewisse Konkurrenten. Dafür bietet es bergab den Fahrspass den ich suche und dafür leide ich berghoch auch gerne mal. Der eher lange Radstand von 1180mm (bei 19″) lässt das Bike auch bei höheren Geschwindigkeiten noch ruhig bleiben.

Fazit: Um mal ganz allgemein zu bleiben, muss ich sagen, dass die Super-Cross-Country/All-Mountain/Enduro/… Bikes heutzutage allesamt eine verdammt gute Gattung machen. Die Bremsen, Luftfederungstechnik und Geometrien sind so ausgeklügelt, dass man für jeden Einsatzzweck etwas findet und sich nicht mehr mit halbfertigen Prototypen abkämpfen muss. DANKE liebe Bikehersteller. Auch wenn es eine halbe Ewigkeit gedauert hat, an diesen Punkt zu kommen.
Zum Slayer: Ich liebe es. Es hat meine Erwartungen bei weitem übertroffen und macht mir auf den Hometrails bereits so viel Spass, dass ich es kaum erwarten kann, dieses Jahr ein paar grössere Touren damit zu fahren. Die Bremsen habe ich inzwischen auf Juicy 7 aufgerüstet und ich werde mir entweder noch eine Blackspire oder eThirteen Kettenführung zulegen. Die verstellbare Sattelstüze von Specialized (Command Post) ist bereits bestellt. Für die Ferien im Wallis oder Bündnerland wird die Entscheidung dieses Jahr wohl zugunsten des Slayer ausfallen.

…und gibt es einen geileren Namen für ein Bike als SLAYER?!? :D

Auch für ihre Website haben sich die Jungs von Rocky Mountain früh für einen coolen Namen entschieden: www.Bikes.com

Erstellt von am 3. März 2011